Das Schweigen zwischen den Buchstaben: Jehona Kicajs Roman „ë“ im NS-Dokumentationszentrum München

Wie schreibt man über einen Krieg, den man aus der sicheren Distanz der Diaspora erlebt hat, dessen Wunden aber dennoch den eigenen Körper prägen? Im Gespräch mit der Historikerin Kirstina Tolok stellte die Autorin Jehona Kicaj am 23. Januar 2026 ihren Roman „ë“ vor – ein Werk über das Suchen nach Sprache und die Last des Unausgesprochenen.

Der Titel des Romans ist so minimalistisch wie vielsagend: „ë“. In der albanischen Sprache ist dieser Buchstabe allgegenwärtig und funktional essenziell, doch in der Aussprache bleibt er meist stumm. Er ist das perfekte Symbol für die Identität der Erzählerin: vorhanden, prägend, aber oft ungehört.

Zwischen Hörsaal und Kriegsnachrichten

Jehona Kicaj erzählt die Geschichte eines Aufwachsens in Deutschland. Die Protagonistin durchläuft das klassische Bildungssystem – vom Kindergarten bis zur Universität. Doch hinter der Fassade der Integration klafft eine Lücke. Während sie in Deutschland nach Verständnis sucht, stößt sie immer wieder auf:

  • Ahnungslosigkeit: Eine Gesellschaft, die den Balkan oft nur als vage Krisenregion wahrnimmt.
  • Zuschreibungen: Die ständige Konfrontation mit fremden Erwartungen und Vorurteilen.
  • Ignoranz: Das Unvermögen des Umfelds, die transgenerationale Last eines Geflüchtetenkindes zu begreifen.

Der Krieg in der Diaspora

Als Ende der 90er-Jahre der Kosovokrieg ausbricht, erlebt die Erzählerin ihn nicht an der Front, sondern vor dem Fernseher und in den sorgenvollen Gesichtern ihrer Familie. Kicaj macht deutlich: Der Krieg endet nicht an den Landesgrenzen. In der Diaspora wird das Leid anders, aber nicht weniger intensiv erlebt. Es ist ein Trauma, das „in jeder Faser des Körpers steckt“ – genährt durch Nachrichten von anonym verscharrten Angehörigen und Familienmitgliedern, die bis heute als verschollen gelten.

Eine Sprache für das Verschwundene

Das Gespräch im NS-Dokumentationszentrum verdeutlichte die tiefere Dimension des Romans: „ë“ ist der Versuch, das Leid derer zur Sprache zu bringen, die physisch nicht mehr da sind oder deren Identität im Chaos der Massengräber verlorenging. Kicaj findet Worte für eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann, solange die Toten nicht identifiziert und die Geschichten nicht erzählt sind.

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