Mit der Einzelausstellung On Love Afterwards zeigt das Kunsthaus Graz das beeindruckende Werk der serbischen Künstlerin und Theoretikerin Milica Tomić. Die Ausstellung versammelt zentrale Projekte aus ihrer jahrzehntelangen künstlerischen Praxis und widmet sich grundlegenden Themen wie Verantwortung, Erinnerung, politischer Gewalt und kollektiver Identität.
Kunst als Handlung: Ausstellen als aktiver Prozess
Für Milica Tomić ist das „Ausstellen“ kein statisches Format, sondern eine aktive Handlung: ein Raum, der Fragen stellt, anstatt Antworten zu liefern. Ihre Werke setzen sich nicht nur mit Bildern auseinander, sondern mit dem, was sie auslässt – mit dem negativen Raum, der Bilder umgibt und ihre gesellschaftlichen Konstruktionen offenlegt.
Dabei stehen nicht allein die gezeigten Objekte im Zentrum, sondern das, was sie ermöglichen: unsichtbare Strukturen, verdrängte Narrative und kollektive Erinnerungsprozesse. Ob Porträts von Frauen oder Darstellungen von Krieg und Gewalt – Tomić dekonstruiert die Oberfläche, um das darunterliegende soziale Gefüge offenzulegen.
Vom Individuum zum Kollektiv
Bekannt wurde Milica Tomić mit ikonischen Arbeiten wie:
- I am Milica Tomić (1998)
- The Portrait of My Mother (1999)
- Reading Capital (2004)
- One day, Instead of One Night… (2009)
- Last Letter (2010)
Doch ihre Praxis entwickelte sich rasch von einer individuellen Handschrift hin zu kollektiven, forschungsbasierten Arbeitsformen. Als Mitbegründerin der Grupa Spomenik (Monument Group) und Initiatorin des Projekts Four Faces of Omarska untersucht sie Mechanismen von Gewalt, Verdrängung und Gedenken in postkonfliktiven Gesellschaften.
Archiv als Teil des Kunstwerks
Besonders prägnant in der Ausstellung ist die Einbindung von Archivmaterial. Jedes Werk ist archivisch kontextualisiert und Teil eines umfassenden Forschungsprozesses. Das Archiv wird so selbst zum künstlerischen Medium – nicht als rückblickende Dokumentation, sondern als aktives Werkzeug der Reflexion und Bildung. Besucher*innen sind eingeladen, tiefer in Themen wie soziale Ungleichheit, systemische Gewalt oder kollektives Trauma einzutauchen.
Eine künstlerische Stimme der Gegenwart
Milica Tomić, geboren in Belgrad, lebt und arbeitet heute in Graz, wo sie das Institut für zeitgenössische Kunst an der TU leitet. Ihre Medien sind vielfältig: von Fotografie, Video, Installation, Performance bis hin zu pädagogischen und diskursiven Formaten. Immer wieder kehrt sie zu Fragen von Abwesenheit, Verantwortung und Erinnerung zurück – und verknüpft diese mit aktuellen politischen Realitäten.
Fazit
„On Love Afterwards“ ist keine konventionelle Retrospektive, sondern ein Raum der Auseinandersetzung, der uns auffordert, Kunst als politisches Werkzeug und Denkform zu begreifen. Wer sich für künstlerisch-politische Forschung, kollektive Erinnerungsarbeit und kritische Ästhetik interessiert, sollte diese Ausstellung nicht verpassen.
Mehr unter: www.museum-joanneum.at





