Wie entstand modernes Grafikdesign? Die Ausstellung „Avantgarde – Grafikdesign im Aufbruch“ im Museum für Gestaltung Zürich blickt auf die 1920er- und frühen 1930er-Jahre zurück – eine Zeit, in der sich Grafikdesign als eigenständiges Berufsfeld etablierte und neue visuelle Ausdrucksformen entwickelte.
Typografie, Fotografie und grafische Abstraktion wurden zu zentralen Gestaltungsmitteln. Künstler und Designer verstanden Gestaltung zunehmend nicht nur als ästhetische Aufgabe, sondern auch als Möglichkeit, auf gesellschaftliche und politische Veränderungen zu reagieren und diese mitzuprägen.
Grafikdesign zwischen Aufbruch und gesellschaftlichem Umbruch
Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution war von tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt. Gleichzeitig herrschte vielerorts eine Aufbruchstimmung und die Hoffnung auf eine grundlegende Neugestaltung der Gesellschaft.
In diesem Umfeld suchten Künstler und Gestalter nach einer neuen Rolle. Sie verabschiedeten sich von traditionellen Bildwelten und der bürgerlich geprägten Ästhetik und entwickelten visuelle Sprachen für eine moderne Gesellschaft.
Ein rationaler und funktionaler Gestaltungsansatz wurde zum Ausdruck des Fortschritts. Individualistische Formen traten zugunsten von Klarheit, Ordnung und universell verständlichen Gestaltungsideen zurück.
Typografie, Fotografie und neue visuelle Sprachen
Die Avantgarde experimentierte mit den Möglichkeiten der Typografie, Fotografie und visuellen Kommunikation. Internationale Netzwerke brachten neue Ideen zusammen und beschleunigten die Entwicklung.
Auch die Arbeitsweisen veränderten sich: Kollektive Werkstätten ersetzten zunehmend das klassische Atelier, während neue Massenmedien und der öffentliche Raum zu wichtigen Plattformen für Gestaltung wurden.
Plakate, Magazine, Fotografien und andere visuelle Medien erreichten ein immer größeres Publikum. Gestaltung wurde damit zu einem Instrument öffentlicher Kommunikation.
Frauen prägen die visuelle Moderne
Auch Frauen spielten eine zunehmend wichtige Rolle in der Entwicklung des modernen Grafikdesigns. Als Gestalterinnen, Fotografinnen und Kulturvermittlerinnen trugen sie wesentlich zur visuellen Moderne bei.
Die Ausstellung macht damit deutlich, dass die Entwicklung des Grafikdesigns nicht allein von den bekannten männlichen Protagonisten der Avantgarde geprägt wurde, sondern auf einem vielfältigen Netzwerk kreativer Akteur beruhte.
Internationale Avantgarde im Dialog
„Avantgarde – Grafikdesign im Aufbruch“ präsentiert zentrale Positionen der internationalen Moderne. El Lissitzky und Valentina Kulagina stehen für den russischen Konstruktivismus, während Adolphe Mouron Cassandre den Art-Déco-Stil repräsentiert.
Dazu treten die typografischen Experimente von Jan Tschichold und die fotografischen Arbeiten von Lucia Moholy und Binia Bill.
Die Gegenüberstellung macht die unterschiedlichen Ansätze sichtbar, mit denen Gestalter nach neuen Formen visueller Kommunikation suchten. Zwischen rationaler Typografie, geometrischer Abstraktion, Fotomontage und dekorativer Gestaltung entstand ein breites Spannungsfeld der visuellen Moderne.
Mehr als 150 Plakate und spektakuläre Exponate
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen mehr als 150 Plakate. Ergänzt werden sie durch zahlreiche Objekte aus den Sammlungen des Museums für Gestaltung Zürich, internationale Leihgaben und Werke aus bedeutenden Privatsammlungen.
Dabei geht es nicht ausschließlich um klassische Grafik. Auch Objekte der visuellen Alltagskultur werden präsentiert – darunter außergewöhnliche Verpackungen, die zeigen, wie die Ideen der Avantgarde in den Alltag und die Warenwelt einflossen.
Filmische Zeugnisse aus der Zwischenkriegszeit erweitern die Ausstellung um eine weitere zeitgenössische Medienform.
El Lissitzkys Prounenraum und Hannes Meyers Co-op Interieur
Zu den besonderen Highlights gehören Rekonstruktionen bedeutender Entwürfe der Moderne. So ist unter anderem ein Nachbau von El Lissitzkys berühmtem Prounenraum zu sehen.
Auch das Co-op Interieur von Hannes Meyer verdeutlicht, wie eng Grafikdesign mit Architektur, Produktgestaltung und Innenraumgestaltung verbunden war.
Die Ausstellung zeigt damit die Moderne nicht als isolierte Entwicklung des Grafikdesigns, sondern als umfassendes gestalterisches Projekt, das unterschiedliche Disziplinen miteinander verband.
Grafikdesign als Ausdruck seiner Zeit
„Viele Highlights aus der Plakatsammlung des Museums markieren den radikalen Bruch mit der illustrativ-dekorativen Gestaltung der Vorkriegsjahre und sind gleichzeitig faszinierende Zeitzeugnisse“, erklärt Kuratorin Bettina Richter.
Die Ausstellung macht deutlich, wie stark Gestaltung und gesellschaftliches Klima miteinander verbunden sind. Die experimentelle Energie der 1920er- und frühen 1930er-Jahre spiegelte die Hoffnungen, Konflikte und politischen Spannungen ihrer Zeit wider.
Das Ende der Avantgarde in den 1930er-Jahren
Mit dem Aufstieg totalitärer Regime in Europa endete Mitte der 1930er-Jahre zunächst eine Phase, in der Gestaltung eng mit gesellschaftlichen Visionen und politischen Utopien verbunden war.
Die Ideen dieser Avantgarde verschwanden jedoch nicht. Ihre typografischen Konzepte, fotografischen Experimente und Prinzipien der visuellen Kommunikation wirkten weit über die Zwischenkriegszeit hinaus und prägen Grafikdesign und visuelle Kommunikation bis heute.
Was Grafikdesign mit der Gegenwart verbindet
Rund hundert Jahre nach der Avantgarde ist die Frage nach dem Verhältnis von Gestaltung und Zeitgeschehen erneut aktuell. Auch die Gegenwart ist von tiefgreifenden technologischen Entwicklungen und gesellschaftspolitischen Spannungen geprägt.
„Avantgarde – Grafikdesign im Aufbruch“ lädt deshalb nicht nur zu einer Reise in die visuelle Kultur der Zwischenkriegszeit ein. Die Ausstellung zeigt auch, wie sehr Gestaltung von ihrer Zeit geprägt wird – und wie Gestaltung ihrerseits gesellschaftliche Wahrnehmung beeinflussen kann.
Damit wird Grafikdesign als mehr verstanden als reine Formgebung: als visuelles Werkzeug, kulturelle Praxis und Ausdruck gesellschaftlicher Veränderung.
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