Was unterscheidet eine klassische Themenausstellung von einer Schau, in der die Exponate selbst das Drehbuch schreiben? Das Deutsche Historische Museum in Berlin geht mit seinem neuesten Projekt einen radikal anderen Weg. Nicht die Illustration einer fertigen These steht im Vordergrund, sondern die Objekte selbst werden zu den Hauptdarstellern und gleichwertigen Akteuren einer vielschichtigen Haus- und Sammlungsgeschichte.
Die Entdeckung verborgener Hauptdarsteller
Traditionell nutzen Museen Exponate oft als illustrative Belege, um eine vorab festgelegte historische Erzählung zu untermauern. Diese Ausstellung bricht bewusst mit dieser Konvention: Sie generiert die gesamte Narration erstmals konsequent aus den Objekten heraus.
Die Auswahl der Stücke basierte auf intensivem Austausch mit den einzelnen Sammlungsleitungen und auf akribischer Recherche in den hauseigenen Datenbanken. Dabei stießen die Kuratoren auf überraschende Zufallsfunde, die jahrzehntelang im Verborgenen lagen. Ein prägnantes Beispiel ist eine spektakuläre Samurai-Rüstung. Bei der Überprüfung gezielter Ankäufe aus der Zeit des Nationalsozialismus stach das Jahr 1938 ins Auge: Die Rüstung gelangte damals als persönliches Geschenk einer Kyotoer Reservistengarde an Adolf Hitler und wurde an das damalige Heeresmuseum übergeben. Weder den aktuellen Sammlungsleitern noch der Öffentlichkeit war dieses Stück im Detail bekannt – es war seit rund 40 Jahren nicht mehr ausgepackt worden.
Szenografie der Kontraste: Objekte im Dialog
Bei der Entwicklung der Ausstellungsarchitektur stand die Wechselwirkung der Exponate im Fokus. Die Objekte wurden so im Raum arrangiert, dass sie visuelle und inhaltliche Korrespondenzen eingehen und sich gegenseitig kommentieren.
So ist die wiederentdeckte Samurai-Rüstung in unmittelbarer Nähe und im direkten Blickwinkel zu einem anderen historischen Schlüsselobjekt platziert: der letzten Felduniform, die Kaiser Wilhelm II. als oberster Feldherr des Deutschen Kaiserreiches trug, kurz bevor er 1918 abdanhte und ins niederländische Exil floh. Durch diese räumliche Nähe verstärken sich die Objekte in ihrer historischen Aussagekraft. Ähnlich eindringlich funktioniert das bewusste Spannungsfeld zwischen einem prachtvollen Biedermeier-Ensemble, das durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs hinweg gerettet werden konnte, und einem schlichten Flüchtlingsbett aus einer Kasseler Notunterkunft.
Von Glaubenskämpfen zur modernen Wunderkammer
Auch im zweiten Teil des Ausstellungsrundgangs, der sich den klassischen Kunstkammerobjekten widmet, bilden die Exponate thematische Inseln. Hier treffen der gläserne Willkomm-Becher der Grafen Oettingen, ein Salvator Mundi-Gemälde (Christus mit der Weltkugel) und die berühmte Ortenburg-Bibel aufeinander. Letztere ist eines von weltweit nur noch zehn erhaltenen Exemplaren einer frühen Lutherbibel auf Pergament. Zusammen veranschaulichen diese drei Stücke die tiefen konfessionellen Verwerfungen und Wirren der frühen Neuzeit um 1530.
Die Dramaturgie der Ausstellung schreitet jedoch weiter voran und konfrontiert das Publikum mit einem bewussten, fast provokanten Bruch: Wer eben noch feines Porzellan oder ein kunstvoll graviertes Straußenei aus dem 18. Jahrhundert bewundert hat, steht plötzlich vor schwerem, industriellem Arbeitsgerät. Es stammt aus der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop – dem letzten deutschen Steinkohlebergwerk, das 2018 seine Tore schloss.
Dieser vermeintliche Stilbruch entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kuratorische Absicht. Durch eine sakrale Inszenierung werden Bauarbeiterhelm, Arbeitstasche, Knieschoner und schwere Sicherheitsschuhe in einer Wandvitrine präsentiert. Sie schweben im Raum wie kostbare Reliquien einer vergangenen Industrieepoche und werden so selbst in den Rang moderner Kunstkammerobjekte erhoben.
Am Ende lädt die Schau dazu ein, in die Vielfalt und die ganz individuellen Biografien dieser historischen Sachzeugen einzutauchen – in eine Welt, die Geschichte durch die intimen Geschichten ihrer Objekte erlebbar macht.
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