Wende-Manöver: Wenn Paul Klee die Rückseite zur Bühne macht

Paul Klee, Ohne Titel [Rückseite von Glas-Fassade], 1940 
Ölfarbe auf Grundierung auf Leinwand,
Keilrahmen 71,3 × 95,7 cm, Zentrum Paul Klee, Bern 
Bildnachweis: Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv 

Paul Klee war ein Meister der Schichtung – nicht nur in seinen Farben, sondern auch in seinen Materialien. Ab dem 9. Mai 2026 lüftet das Zentrum Paul Klee in Bern ein spannendes Geheimnis: Viele seiner Meisterwerke haben ein zweites Gesicht. Die Ausstellung „Fokus. Klees Rückseiten“ zeigt, dass das, was sich hinter der Leinwand verbirgt, oft genauso viel erzählt wie die Vorderseite.

Was lange Zeit als Materialersparnis oder Skizze abgetan wurde, entpuppt sich dank der Forschung von Kuratorin Marie Kakinuma als tiefgreifender Einblick in Klees Schaffensprozess. Von 9.600 Werken tragen stolze 600 eine „zweite Botschaft“ auf dem Rücken.

Die Kunst des Verborgenen: Wenn die Zeit Schichten abträgt

Oft war es reiner Zufall oder die Arbeit von Restauratoren, die diese Schätze ans Licht brachten. Besonders bei blickdichten Materialien wie Malpappe oder Leinwand blieb das Verborgene jahrzehntelang im Dunkeln.

  • Die Entdeckung der „Glas-Fassade“ (1940): Erst in den 1990er-Jahren platzte bei Restaurierungsarbeiten eine rosabraune Übermalung ab. Darunter? Eine engelhafte Figur und ein Mädchen. Auf dem Rahmen die handschriftliche Notiz Klees: „Mädchen stirbt und wird“. Ein Werk, das erst durch den „Zahn der Zeit“ seine volle Geschichte offenbarte.
  • Das Machtwort des Sohnes: Bei Werken wie Kind und Drache (ca. 1940) hatte Klee keine Vorderseite definiert. Erst sein Sohn Felix legte posthum fest, welche Seite wir heute als das „Hauptbild“ betrachten. Auf der Rückseite schlummert seither die zarte Komposition Blume und Schlange.

Durchscheinende Welten

Klee nutzte die Rückseite nicht nur als Stauraum für Ideen, sondern auch als aktives Gestaltungsmittel:

  1. Transparenz: Bei dünnen Papieren ließ Klee die Rückseite bewusst durchscheinen. So verschmelzen beide Seiten zu einem schemenhaften Ganzen. In der Ausstellung wird dies durch Infrarotaufnahmen sichtbar gemacht.
  2. Farbeffekte: Um einen zarten rosa-violetten Hintergrund für seine reduzierten Spätzeichnungen zu erzeugen, bemalte er die Rückseite großflächig mit einer Mischung aus Kleister und Caput mortuum (einem kräftigen Eisenoxid).

Mehr unter: zpk.ch

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