Das Zentralkomitee der SED: Vom hermetischen Machtzentrum zum Ort der Demokratie

Mitten im Herzen Berlins, am Werderschen Markt, ragt eines der massivsten Gebäude der Stadt empor. Wo heute Diplomaten über die Außenpolitik der Bundesrepublik entscheiden, befand sich einst das pulsierende Machtzentrum der DDR-Diktatur: das Zentralkomitee (ZK) der SED.

Wer heute das Auswärtige Amt besucht, betritt einen Ort der Transparenz und des internationalen Dialogs. Doch die Mauern dieses Hauses erzählen eine düstere Geschichte von absoluter Macht, Kontrolle und Kälte.

Ein Koloss für die Ewigkeit

Nachdem die SED-Spitze zunächst in einem ehemaligen Kaufhaus in der Torstraße residiert hatte, das schnell zu klein wurde, bezog sie 1959 den monumentalen Bau am Werderschen Markt. Das Gebäude, eines der größten Berlins, sollte die repräsentative Stärke des sozialistischen Deutschlands im wiederaufgebauten Stadtkern demonstrieren.

Die Hierarchie der Macht

Die SED war keine basisdemokratische Organisation, sondern streng zentralistisch aufgebaut. Das Machtgefüge lässt sich in drei Ebenen unterteilen:

  1. Das Zentralkomitee: Bestehend aus hochrangigen Funktionären, Generalen und ausgewählten Künstlern, fungierte es in der Ära Honecker oft nur noch als „Akklamationsorgan“ für vorgefertigte Reden.
  2. Das Politbüro: Eine exklusive Gruppe von etwa 10 bis 20 Männern, die sich jeden Dienstag traf, um über alles zu entscheiden – von der Anzahl der Panzer bis zur Produktion von Schlüpfergummis.
  3. Die ZK-Sekretäre: Die „Elite der Elite“, wie Egon Krenz, die für spezifische Ressorts wie Staatssicherheit oder Justiz zuständig waren.

Ein Leben in der „Käseglocke“

Das Gebäude war eine hermetisch abgeriegelte Welt für sich. Normalsterbliche konnten nicht einmal die Außenwände berühren.

  • Interne Isolation: Selbst Mitarbeiter durften sich nur in ihren zugewiesenen Bereichen bewegen. Das Politbüro verfügte über eine eigene Etage mit separatem Aufzug.
  • Privilegierte Versorgung: In dem Komplex gab es alles: Friseure, Ärzte, Kinderbetreuung und ein Warenangebot, das weit über dem Standard der restlichen DDR lag.

Die unerwartete Wendung zur Einheit

Im Herbst 1989 wurde das Haus zum Schauplatz des Machtverlusts. Hier wurde Honecker zum Rücktritt gezwungen und hier gab Schabowski den Befehl zur Bekanntgabe der Reiseerleichterungen.

Kurioserweise endete die Geschichte des Hauses als SED-Zentrale mit einem Akt der Demokratie: Nachdem der Palast der Republik wegen Asbest gesperrt wurde, tagte die erste frei gewählte Volkskammer im ZK-Gebäude. Genau hier wurde schließlich der Einigungsvertrag verabschiedet – das Symbol der Teilung wurde so zum Ort der Einheit.

Heute beherbergt der aufwendig sanierte Bau das Auswärtige Amt. Wo einst stumme Zustimmung herrschte, finden nun lebhafte demokratische Debatten statt.

Mehr unter: ddr-museum.de

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