400 Jahre jüdisches Leben: Altonaer Museum eröffnet „Wegmarken Jüdischer Geschichte“

Foto: Stiftung Historische Museen Hamburg

Hamburg blickt auf eine über vier Jahrhunderte währende, pluralistische jüdische Geschichte zurück. Mit dem neuen Projektraum „Wegmarken Jüdischer Geschichte“ schafft das Altonaer Museum nun nicht nur eine dauerhafte Ausstellungsfläche, sondern auch ein Forum für die aktuelle Debatte um ein zukünftiges Jüdisches Museum für die Hansestadt.

„Hamburg braucht einen Ort der Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Geschichte. Der Projektraum schließt die Lücke, die durch die sanierungsbedingte Schließung des Museums für Hamburgische Geschichte entstanden ist, und macht jüdisches Leben in Hamburg sichtbar. “ Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien

Jüdische Geschichte in Hamburg ist eine Geschichte der Vielfalt – und der Gegensätze. Während das Altonaer Generalprivileg von 1641 den dortigen Jüdinnen und Juden bereits früh weitreichende Rechte wie Handelsfreiheit und Selbstverwaltung einräumte, war das jüdische Leben in der damals eigenständigen Stadt Hamburg über lange Zeit von einem zähen Ringen um bürgerliche Gleichstellung geprägt.

„Der Projektraum zeigt in komprimierter chronologischer Form, warum die jüdische Geschichte Hamburgs – auch im nationalen Vergleich – so bedeutend ist. Die kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt der Gemeinden, das frühe Nebeneinander der sephardischen und aschkenasischen Gemeinden, der weltweit erste reformierte Tempel, der Hafen als besonderer Transitort aber auch der jetzt geplante Neubau der Bornplatzsynagoge erzählen eine besondere Geschichte.“ Prof. Dr. Anja Dauschek, Direktorin des Altonaer Museums

14 Stationen einer bewegten Historie

Im Zentrum des neuen Projektraums stehen 14 ausgewählte Daten zwischen 1611 und 2020. Diese Wegmarken wurden in enger Kooperation mit wissenschaftlichen Partnern wie dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ) erarbeitet. Sie führen die Besucher durch entscheidende Momente:

  • Religiöse Innovation: Die Entstehung des Reformjudentums im frühen 19. Jahrhundert.
  • Bürgerliches Engagement: Das Wirken von Persönlichkeiten wie Salomon Heine oder Albert Ballin.
  • Zäsur und Erinnerung: Die Zerstörung der Bornplatzsynagoge 1938 und die aktuelle Debatte um deren Wiederaufbau.

Objekte und ihre Biografien

„Judentum ist Kultur, Tradition, Innovation, Humor, Humanität – Leben jenseits nur der Religion. Deshalb wünsche ich mir, dass der bedeutende Beitrag des Judentums zur Entwicklung Hamburgs in der Verantwortung der Stadt mehr Beachtung findet. Mit einem Jüdischen Museum. (…). Sowohl aus Gründen der Fürsorge und des Respekts für jüdische Bürger damals und heute als auch als Antwort auf den explodierenden Antisemitismus. Als Signal, dass Hamburg nicht nur redet, sondern auch tut. Mit dem Projektraum erleben wir heute den ersten Schritt!“ Dr. h.c. Sonja Lahnstein-Kandel, Fachbeirat “Jüdisches Leben” und Initiatorin Fördererkreis Jüdisches Museum Hamburg

Die Ausstellung präsentiert eindrucksvolle Exponate, darunter das Modell der Synagoge in der Elbstraße von 1788 und eine Löwenskulptur vom jüdischen Friedhof an der Königstraße. Besonders wichtig ist die kritische Auseinandersetzung mit der Provenienz: Vier Hörstationen beleuchten die Wege geraubter Silberobjekte in die Museumssammlungen und stellen Fragen nach heutiger Verantwortung und Aufarbeitung.

Ein Museum im Werden

„Hamburg ist die einzige Stadt in Deutschland, die sowohl eine aschkenasische als auch eine sephardische Gemeinde hatte. Um die unterschiedlichen jüdischen Kulturen, Werte und Traditionen zu verstehen, die hier gepflegt wurden und noch immer werden, die außergewöhnlichen Geschichten von Jüdinnen und Juden zu würdigen und an den Hass, die Ausgrenzung und die Verfolgungen zu erinnern, denen sie ausgesetzt waren und sind, bedarf es auch in Hamburg eines Jüdischen Museums.“ Prof. Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt und Vorstandsvorsitzende der Association of European Jewish Museums

Der Projektraum versteht sich explizit als Diskursfläche. Er greift die seit 2024 intensivierte Diskussion über ein eigenständiges Jüdisches Museum für Hamburg auf. Die Stadtgesellschaft ist eingeladen, Perspektiven zu Aufgaben und Inhalten einer solchen Institution einzubringen.

Ein digitaler Stadtplan des IGdJ schlägt zudem die Brücke in die Gegenwart und zeigt auf, wo jüdisches Leben heute im Stadtbild sichtbar und erlebbar ist.

Ausblick: Große Sonderausstellung im November 2026

Als nächster Meilenstein in diesem Prozess ist für November 2026 eine umfassende Sonderausstellung im Altonaer Museum geplant. Diese wird die Ergebnisse des Projektraums vertiefen und sich intensiv mit modernen Fragen zu jüdischer Identität, Diversität und Migration auseinandersetzen.

Mehr unter: www.shmh.de

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