Wie nehmen Menschen ihren eigenen Körper wahr, und wie wird er in der Kunst dargestellt? Mit der Sonderausstellung „Body. Aspekte des Körperlichen“ präsentiert das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg rund 200 Exponate aus der Stiftung Spengler. Werke von Gerhard Richter, Joseph Beuys, Paul Thek, Mirosław Bałka und weiteren international bekannten Künstlerinnen und Künstlern untersuchen den menschlichen Körper zwischen Schönheit, Verletzlichkeit, Sinnlichkeit und Vergänglichkeit. Die Ausstellung verbindet Gegenwartskunst mit kulturhistorischen Objekten und eröffnet damit neue Perspektiven auf ein jahrtausendealtes Thema.
Stiftung Spengler bringt internationale Gegenwartskunst nach Nürnberg
Mit der Sammlung des Münchner Kunstsammlers Harald Spengler erweitert das Germanische Nationalmuseum seine Möglichkeiten, Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts zu präsentieren. Spengler hat dem Museum einen umfangreichen Bestand als Dauerleihgabe überlassen. Dazu gehören Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Installationen international renommierter Kunstschaffender.
Vertreten sind unter anderem Gerhard Richter, Joseph Beuys, Mirosław Bałka, Alina Szapocznikow, Matthew Barney, Peter Hujar, Paul Thek, Rémy Zaugg, Ian Hamilton Finlay, John Baldessari und Rineke Dijkstra. Die Ausstellung „Body. Aspekte des Körperlichen“ zeigt erstmals eine größere Auswahl aus diesem Bestand in Nürnberg. Generaldirektor Daniel Hess sieht darin eine bedeutende Erweiterung des Museumsprofils. Die Sammlung ermöglicht es, historische Werke stärker mit aktuellen künstlerischen Positionen in Verbindung zu bringen.
Körperbilder in der Kunst: Zwischen Selbstwahrnehmung und gesellschaftlichen Idealen
Der menschliche Körper gehört seit Jahrtausenden zu den zentralen Motiven der Kunstgeschichte. Dabei spiegeln Körperdarstellungen nicht nur anatomische Merkmale wider. Sie vermitteln auch gesellschaftliche Vorstellungen von Schönheit, Geschlecht, Identität und Macht. Die Nürnberger Ausstellung untersucht, wie Künstlerinnen und Künstler den Körper betrachten und inszenieren. Bereits zu Beginn begegnen Besucherinnen und Besucher einem lebensgroßen Gemälde der Künstlerin Anke Doberauer, das einen nackten Mann zeigt.
Damit kehrt die Künstlerin eine lange kunsthistorische Tradition um, in der überwiegend männliche Künstler weibliche Aktmodelle darstellten. Die Arbeit wirft Fragen nach Blickrichtungen, Geschlechterrollen und der Beziehung zwischen dargestelltem Körper und betrachtendem Publikum auf.
Kunst mit allen Sinnen: Sehen, Hören und körperliche Wahrnehmung
Die Ausstellung beschäftigt sich nicht ausschließlich mit Darstellungen des menschlichen Körpers. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Kunstwerken, die unmittelbar auf die Sinne wirken. Abstrakte Gemälde von Günter Fruhtrunk aus den 1960er- und 1970er-Jahren erzeugen durch ihre Farb- und Formgestaltung visuelle Irritationen.
Walter De Marias Werk „Ball Drop“ setzt dagegen auf ein akustisches Erlebnis. Eine Holzkugel prallt im Inneren einer Sperrholzkonstruktion auf und erzeugt einen lauten Knall. Auch Matthew Barneys „Sweet Bolus“ aus Epoxidharz und Zucker thematisiert körperliche Prozesse. Das hantelähnliche Objekt verbindet Vorstellungen von Ernährung, Muskelaufbau und körperlicher Veränderung. Die Arbeiten zeigen, dass Kunst nicht nur betrachtet, sondern auch über Geräusche, Materialassoziationen und körperliche Reaktionen wahrgenommen werden kann.
Mirosław Bałka: Wenn Kunst den Raum und den Körper herausfordert
Wie stark die Wahrnehmung eines Raumes vom eigenen Körper abhängt, verdeutlicht die Installation „Horizontabschreitung“ von Mirosław Bałka und Ursula Schulz-Dornburg aus dem Jahr 2009. Bałka verwendet Stahlstreben, die sich an architektonischen Strukturen orientieren und den Ausstellungsraum zugleich verändern. Einzelne Elemente verengen Durchgänge oder unterbrechen gewohnte Sichtachsen. Die Installation beeinflusst damit unmittelbar, wie sich Besucherinnen und Besucher durch den Raum bewegen. Armierungseisen, die in den Raum hineinragen, können Assoziationen an Stacheldraht oder eine Dornenkrone hervorrufen.
Ergänzt wird die Arbeit durch Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg, die weite, nahezu menschenleere Landschaften zeigen. Im Zusammenspiel entsteht ein Gegensatz zwischen räumlicher Begrenzung und scheinbarer Grenzenlosigkeit. Bałkas Arbeiten sind häufig von der Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen der europäischen Geschichte geprägt. Auch hier wird körperliche Unsicherheit zu einem wesentlichen Bestandteil der Kunstbetrachtung.
Paul Thek und die Sehnsucht nach einem anderen Körper
Ein weiterer Themenbereich der Ausstellung beschäftigt sich mit der Vorstellung körperlicher Verwandlung. Künstler wie Armen Eloyan und Walter Dahn greifen Märchenfiguren und mythologische Motive auf. Dabei geht es um die Faszination für Wesen, deren körperliche Fähigkeiten die Möglichkeiten des Menschen übersteigen. Auch Paul Thek beschäftigt sich mit solchen Vorstellungen.
Eine Arbeit aus den Jahren 1975/76 nimmt Bezug auf die Sage vom Rattenfänger von Hameln. Thek verstand die Figur des Rattenfängers als eine Art Alter Ego. Dessen geheimnisvolle Wirkung und Macht über andere Menschen werden zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit Identität und Selbstbild. Die Ausstellung untersucht damit auch den Wunsch, den eigenen Körper oder die eigene Persönlichkeit verändern zu können.
Alina Szapocznikow: Verletzlichkeit, Sinnlichkeit und Vergänglichkeit
Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit dem verletzlichen und vergänglichen Körper. Die Ausstellung stellt idealisierte Körperdarstellungen fragmentierten und versehrten Körpern gegenüber. Dazu gehören historische Darstellungen des heiligen Sebastian ebenso wie Fotografien von Robert Mapplethorpe. Die polnische Künstlerin Alina Szapocznikow ist mit ihrer Arbeit „Seins“ vertreten.
Das Werk zeigt den Abguss einer weiblichen Brust aus Polyesterharz. Das leicht durchscheinende Material vermittelt sowohl Sinnlichkeit als auch Zerbrechlichkeit. Szapocznikows Arbeit verbindet damit körperliche Schönheit mit der Erinnerung an Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. Gerade diese Gleichzeitigkeit von Eros und Tod gehört zu den zentralen Themen der Ausstellung.
Peter Hujar und Herbert List: Fotografien über Leben und Tod
Auch der menschliche Körper nach dem Tod wird in der Ausstellung thematisiert. Fotografien von Herbert List und Peter Hujar zeigen Motive aus den Katakomben des Kapuzinerklosters in Palermo. Dort werden seit Jahrhunderten die sterblichen Überreste Verstorbener aufbewahrt und teilweise öffentlich präsentiert.
Die Fotografien beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit dem Verhältnis zwischen Leben und Tod. Sie zeigen, wie der menschliche Körper auch nach dem Tod Spuren einer individuellen Existenz bewahrt. Gleichzeitig erinnern sie daran, dass Vergänglichkeit und Sterblichkeit grundlegende Bestandteile menschlicher Erfahrung sind.
Gegenwartskunst trifft historische Sammlungen im Germanischen Nationalmuseum
Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf die Sonderausstellungsräume. Weitere Werke aus der Stiftung Spengler werden als sogenannte Satelliten in die Dauerausstellung des Germanischen Nationalmuseums integriert. Dazu gehören Arbeiten von John Chamberlain, Ulrich Rückriem, Eberhard Havekost, Magnus Plessen und Pia Fries. Sie treten in einen Dialog mit historischen Exponaten aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Damit wird deutlich, dass Fragen nach Körperbildern, Identität und körperlicher Wahrnehmung keine ausschließlich zeitgenössischen Themen sind. Vielmehr lassen sich entsprechende Vorstellungen über lange Zeiträume hinweg in der Kulturgeschichte verfolgen.
Für Sammler Harald Spengler eröffnet diese Präsentationsform neue Möglichkeiten, die Werke seiner Sammlung zu betrachten. Durch die Gegenüberstellung mit historischen Objekten entstehen ungewohnte Zusammenhänge und zusätzliche Interpretationsmöglichkeiten.
„Body“ zeigt neue Perspektiven auf die Kunstgeschichte
Mit „Body. Aspekte des Körperlichen“ verbindet das Germanische Nationalmuseum zeitgenössische Kunst mit seiner kulturhistorischen Sammlung. Die rund 200 Exponate untersuchen den menschlichen Körper als Bildmotiv, als Ausdruck gesellschaftlicher Vorstellungen und als Ausgangspunkt sinnlicher Erfahrungen. Dabei begegnen sich unterschiedliche künstlerische Ansätze: von abstrakter Malerei über Konzeptkunst und Fotografie bis zu raumgreifenden Installationen.
Die Ausstellung macht deutlich, dass der Körper in der Kunst weit mehr ist als ein Gegenstand der Darstellung. Er ist zugleich Maßstab unserer Wahrnehmung, Ausdruck persönlicher Identität und Träger gesellschaftlicher und historischer Erfahrungen.
Videoproduktion: Dr. Andrea Langer, Maria Sagolla, Sabrina Zierhut und endlos media.
© Eine Produktion des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2026.
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