Wie übersetzt man das Unaussprechliche in Form, Farbe und Materie? Das Münchner Lenbachhaus präsentiert mit „Shifting the Silence“ eine tiefgründige Sammlungspräsentation, die den Dialog zwischen stiller Betrachtung und gesellschaftspolitischer Relevanz sucht. Kuratorin Eva Huttenlauch führt in eine Schau ein, die den Titel einer großen Denkerin trägt.
Die Ausstellung „Shifting the Silence“ (Die Stille verschieben) ist mehr als eine reine Werkschau. Mit 39 künstlerischen Positionen – von Gemälden über Skulpturen bis hin zu komplexen Installationen – schlägt das Lenbachhaus eine Brücke zwischen internationalen Größen und der Münchner Kunstszene.
Etel Adnan: Der Titel als Programm
Den inhaltlichen Auftakt bildet ein Raum, der der Künstlerin Etel Adnan gewidmet ist. Der Titel der Ausstellung ist ihrem letzten Buch entnommen, das sie kurz vor ihrem Tod veröffentlichte. Adnan dient als Ideengeberin für die zentrale Fragestellung der Schau: Wie lässt sich die oft nicht-sprachliche Wahrnehmung von Kunst in Sprache übersetzen – und wo stößt dieser Transfer an seine Grenzen?
Sprache als Material und Widerstand
Mehrere Werke der Ausstellung setzen sich explizit mit Sprache auseinander:
- Jenny Holzer: In ihren LED-Screens von 1993 werden „Truisms“ (Binsenweisheiten) zum künstlerischen Material, um menschliche Lebensweisen kritisch zu hinterfragen.
- Rosemarie Mayer: Ihre Skulptur „Hipsipyle“ steht im Dialog mit Literatur und Mythologie und verwebt Geschichten mit physischer Form.
- Jana Biller-Meier: Die Künstlerin verarbeitet das Grammatikheft ihrer Mutter, die in den 70er Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. Durch ihre Kommentare werden die sprachlichen Kämpfe und Herausforderungen einer postmigrantischen Biografie sichtbar gemacht.
Gesellschaftspolitische Dimensionen
Das Lenbachhaus unterstreicht mit dieser Auswahl seinen Anspruch, aktuelle gesellschaftskritische Themen abzubilden. So setzt sich Isa Genzken mit Urbanismus und den politischen Idealen hinter dem Städtebau auseinander, während der Maler und Musiker Curtis Talwst Santiago den Karneval in Trinidad als Form des Widerstands versklavter Menschen gegen koloniale Herrschaft thematisiert.
Ein Dialog über die Ästhetik hinaus
Kuratorin Eva Huttenlauch betont, dass das Ziel der Ausstellung eine Verständigung ist, die über die rein ästhetische Ebene hinausgeht. Die Besucher sind eingeladen, sich auf eine tiefere Wahrnehmungsebene zu begeben, die Kunst wirken zu lassen und über die eigenen Interpretationen in einen aktiven Dialog zu treten.
„Shifting the Silence“ ist eine Einladung, die Stille im Museum nicht als Abwesenheit von Ton, sondern als Raum für neue, tiefgründige Gespräche zu begreifen.
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