Der „Giraffatitan“ im Berliner Museum für Naturkunde ist eine Ikone – das größte aufgestellte Dinosaurierskelett der Welt. Doch hinter dem imposanten Exponat verbirgt sich eine komplexe Geschichte aus kolonialer Gewalt, wissenschaftlicher Exzellenz und einer neuen Ära der Verantwortung.
Das Museum für Naturkunde Berlin befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess, der „Museumsevolution“. Im Zentrum der Debatte steht die berühmte Tendaguru-Sammlung aus Tansania, die zwischen 1909 und 1913 in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika ausgegraben wurde.
Vom „Siegernarrativ“ zur Forschungsethik
Lange Zeit wurde die Geschichte der Ausgrabungen als eine Heldenreise weißer Entdecker erzählt, die wertvolle Funde für die Wissenschaft sicherten. Heute blickt das Museum kritischer auf diese Vergangenheit:
- Gewaltstrukturen offenlegen: Archivmaterialien zeigen deutlich, in welche kolonialen Gewalt- und Machtstrukturen die Grabungen eingebettet waren. Oft blieben die tatsächlichen Arbeiter namenlos.
- Forschungsobjekt statt Trophäe: Für die heutige Sammlungsleitung sind die Knochen keine Statussymbole nationaler Überlegenheit mehr, sondern wertvolle Forschungsobjekte, über die bereits mehr als 200 wissenschaftliche Artikel verfasst wurden.
Die Zukunft: Kooperation und Digitalisierung
Das Museum hat drei zentrale Antworten auf die Herausforderungen der kolonialen Sammlung gefunden:
- Innovative Provenienzforschung: Da die Sammlung 30 Millionen Objekte umfasst, wurde eine Methode entwickelt, die ganze „Schiffsladungen“ statt Einzelobjekte analysiert.
- Leitfaden für koloniale Objekte: Ein weltweit einmaliger Leitfaden zum Umgang mit Objekten aus kolonialen Kontexten wurde in Deutsch und Englisch veröffentlicht, um Wissen zu teilen und Standards zu setzen.
- Die virtuelle Sammlung: In Zusammenarbeit mit tansanischen Kollegen wird die Sammlung digitalisiert. Durch 3D-Scans und Online-Datenbanken soll eine absolute, barrierefreie Zugänglichkeit für Forscher weltweit geschaffen werden.
Gemeinsam graben, gemeinsam leiten
Heutige Expeditionen am Tendaguru finden in enger Kooperation mit Tansania statt. Neue Funde bleiben vor Ort, werden dort erforscht und ausgestellt. Die Forschungsergebnisse werden zudem in Deutsch, Englisch und Kisuaheli veröffentlicht, um die Menschen in den Herkunftsregionen aktiv einzubeziehen.
Das Museum für Naturkunde Berlin versteht sich heute nicht mehr als statischer Ort der Aufbewahrung, sondern als lebendiges, offenes Forschungsmuseum, das seine eigene Geschichte aktiv hinterfragt und neu gestaltet.
Mehr unter: www.museumfuernaturkunde.berlin





