Die Kunsthalle Wien präsentiert mit „Potentialities“ eine umfassende Werkschau des US-amerikanischen Künstlers Richard Hawkins. Über zwei Jahrzehnte hinweg hat Hawkins ein Werk geschaffen, das die Grenzen zwischen Popkultur, Theorie und dunkler Romantik auflöst. Es ist eine Reise, die bei frühen Photoshop-Experimenten beginnt und bei der Dekonstruktion literarischer Mythen endet.
Der Titel der Ausstellung, „Potentialities“ (Potenzialitäten), ist für Richard Hawkins mehr als nur ein Name; er ist das Fundament seiner gesamten künstlerischen Praxis. In einem aktuellen Video-Porträt der Kunsthalle Wien gibt der Künstler tiefe Einblicke in seine Gedankenwelt und erklärt, warum für ihn das Unvorhersehbare der eigentliche Motor der Kunst ist.
Von Photoshop-Monstern zur Theorie des Begehrens
Hawkins’ Anfänge liegen in den späten 90er-Jahren, einer Zeit, in der das Internet noch in den Kinderschuhen steckte. Mit einer frühen Version von Photoshop begann er, Bilder aus Magazinen herunterzuladen und sie digital zu manipulieren. Sein Ziel: Das Schöne mit dem Gothischen zu verbinden. Es entstanden collagenartige Porträts mit leuchtenden Augen und fehlenden Körperteilen – eine Ästhetik, die er selbst als seinen „Hang zum Gothic“ seit der Kindheit beschreibt.
Über die Jahre hat sich sein Verständnis von „Begehren“ gewandelt. War es anfangs noch primär sexuelles Begehren oder das Verlangen nach attraktiven Objekten, so sieht er es heute – beeinflusst durch poststrukturalistische Theorien – als eine Kraft der Fluidität. Es ist der Drang, etwas wissen zu wollen, ohne das Ziel der Reise genau zu kennen.
Salome, Artaud und die Abgründe der Vorbilder
Ein zentrales Motiv in Hawkins’ Schaffen ist die biblische Figur der Salome und das Haupt des Johannes des Täufers. Doch Hawkins interpretiert diesen Mythos eigenwillig und bezieht sich eher auf die Strauss-Oper, in der die Grenzen zwischen Verführung und Grauen verschwimmen.
Ebenso kritisch setzt er sich mit dem surrealistischen Dramatiker Antonin Artaud auseinander. Während Artaud oft als reines Opfer der Psychiatrie verehrt wird, sieht Hawkins in ihm einen „schwierigen Charakter“, dessen Misogynie und dunkle Züge oft übersehen werden. Er nutzt seine Kunst, um diese Heldenfiguren zu entmystifizieren und sie in eine „feindselige Gefahr“ zu bringen – ein spielerischer, fast bösartiger Umgang mit Fan-Kultur.
Das Archiv als lebendiger Prozess
Hawkins beschreibt sich selbst als „Unarchivar“. Er hasst die Vorstellung, Bilder fein säuberlich zu katalogisieren. Für ihn sind abgelegte Zeitungsausschnitte (etwa von Matt Dillon) „tot“. Er bevorzugt das Chaos, in dem er zufällig auf Material stößt, das in neuen Kombinationen plötzlich wieder lebendig wird. Das Archiv ist für ihn lediglich „Kunst, die noch nicht gemacht wurde“.
Fazit: Versteckte Payoffs für den genauen Betrachter
Die Gemälde von Richard Hawkins sind voller versteckter Details, die er „im helllichten Tag versteckt“. Er fordert den Betrachter auf, genau hinzusehen, um die kleinen Belohnungen – oft provokante oder intime Details wie Nippel oder sonderbare Augen – zu finden. Es ist eine Kunst der Verführung, die den Betrachter einfängt und ihn in die komplizierten Beziehungen zwischen Schönheit und Monstrosität verstrickt.
Die Ausstellung „Potentialities“ ist eine Einladung, dem Pfad des Künstlers in das Ungewisse zu folgen und die generative Kraft des Unabgeschlossenen zu erleben.
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