Was geschah zwischen 1933 und 1945 in der Staatsoper, in den Bücherhallen oder der HFBK? Eine neue Ausstellung in der Rathausdiele bricht das Schweigen über die systematische Gleichschaltung der Hamburger Kulturlandschaft und zeigt, wie tief kulturelle Institutionen in die NS-Propagandamaschinerie verstrickt waren.
„Vielfalt und Freiheit in Kunst und Kultur sind nicht so selbstverständlich, wie sie uns heute erscheinen. Es ist erschreckend zu sehen, wie es dem NS-Regime gelang, das bunte Kulturleben der Weimarer Republik gleichzuschalten.“ Prof. Oliver von Wrochem, Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen
Hamburg galt vor 1933 als Metropole der Moderne – mit einer lebendigen Kino-Szene, progressiven Museen und experimentellem Theater. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete diese Vielfalt abrupt. Die neu geschaffene Kulturverwaltung übernahm die Kontrolle, beseitigte demokratische Strukturen und unterwarf alles dem „Führerprinzip“.
“Ein Besuch im Rathaus in den kommenden Tagen zeigt eindrücklich: Wer die Freiheit der Kunst und der Presse infrage stellt, der richtet sich immer gegen das Volk. Hitler und Goebbels Bestrebung war es, Kultur und Medien nicht auszuhebeln, sondern die entstandene Lücke mit plumper Propaganda auszufüllen. Das ist das Ende für eine solidarische Gemeinschaft, denn Zusammenhalt und Demokratie werden getragen vom Diskurs, von Spannung und von Menschen, die Nachdenken und Dagegenhalten.“ Carola Veit, Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft
Forschung im Archiv: Zehn Institutionen blicken zurück
Die Ausstellung „Kultur unter Kontrolle“ ist das Ergebnis eines zweijährigen Forschungsprojekts. Erstmals haben zehn bedeutende Hamburger Kultureinrichtungen, darunter die Staatsoper und das Museum für Kunst und Gewerbe, ihre Archive lückenlos geöffnet. Gemeinsam mit der Kuratorin Gisela Ewe wurde untersucht, wie sich die Häuser anpassten, wer die Profiteure waren und wer aktiv bei Verfolgungsmaßnahmen mitwirkte.
Die Schau beleuchtet dabei drei zentrale Aspekte:
- Anpassung und Mittäterschaft: Wie Kultureinrichtungen freiwillig Teil der NS-Ideologie wurden.
- Verfolgte Biografien: Das Schicksal jüdischer und politisch unliebsamer Künstler:innen, die vertrieben, entrechtet oder ermordet wurden.
- Widerstand im Stillen: Wo gab es verdeckte Auflehnung gegen die ideologische Bevormundung?
Ein Mahnmal in der Rathausdiele
Kultursenator Dr. Carsten Brosda betonte bei der Vorstellung der Ergebnisse die Relevanz für das Heute: Die Freiheit der Kunst ist keine Selbstverständlichkeit. Die Ausstellung, die im Rahmen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) stattfindet, fordert dazu auf, die Rolle von Kulturverwaltungen kritisch zu hinterfragen.
„Dass wir uns erst jetzt mit diesem Teil unserer Geschichte auseinandersetzen, macht deutlich, wie schwer sich lange auch staatliche Institutionen mit einer kritischen Betrachtung ihrer Vergangenheit getan haben. Dabei ist es dringend notwendig, dass wir uns bewusst machen, welche gesellschaftliche Bedeutung den Künsten zukommt und wie gefährlich ihre politische Instrumentalisierung ist.“ Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg
Als Wanderausstellung konzipiert, wird die Schau nach ihrem Aufenthalt im Rathaus weiterziehen, um die Erkenntnisse über die Hamburger NS-Geschichte in der gesamten Stadt zugänglich zu machen.
Mehr unter: www.gedenkstaetten-hamburg.de






