Im Spannungsverhältnis von Kunst und Glauben: Zwischen religiöser Tradition und Gegenwartskunst

Der Wandel vom Dogma zum Zweifel

Die historische Kartause Ittingen bildet den Rahmen für eine Ausstellung, die die historische und aktuelle Verknüpfung von Kunst und Religion beleuchtet. Während die Kirche über Jahrhunderte als primäre Auftraggeberin diente, um Normen und Glaubensinhalte visuell zu zementieren, vollog sich im 20. Jahrhundert eine grundlegende Kehrtwende: Die Kunst begann, gesellschaftliche Konventionen und religiöse Dogmen aktiv in Frage zu stellen. Die aktuelle Schau greift dieses Spannungsverhältnis auf und reflektiert die heutige Bedeutung von Glaube und Zweifel in der zeitgenössischen Produktion.

Historische Spuren und digitale Täuschung

Der Ausstellungsrundgang spannt einen weiten Bogen von der Antike bis zur Gegenwart. Er beginnt mit Objekten zum altägyptischen Götterhimmel, führt über das Mittelalter und Martin Luther bis hin zu aktuellen Medienphänomenen. Die Frage, woran die Gegenwart glaubt und wie mediale Bilder täuschen können, wird unter anderem durch eine Videoarbeit von Martina Masinia thematisiert. Die forensische Videoanalyse rekonstruiert den Fall des mittels Künstlicher Intelligenz generierten Fake-Bildes des Papstes aus dem Jahr 2023. Einen materiellen Kontrast dazu bilden handwerkliche Arbeiten in den ehemaligen Mönchszellen, wie die textilen Werke von Stefanie Baechler, die religiöse Motive mit der heutigen Reizüberflutung durch Bildschirme konfrontieren.

Integration der „Outsider Art“ und die Kraft der Fantasie

Ein konzeptioneller Schwerpunkt liegt auf der Einbindung von Werken der sogenannten Outsider Art, die bewusst nicht separat, sondern als integraler Bestandteil der Themenschau präsentiert werden. Gezeigt werden unter anderem Zementskulpturen des im bäuerlichen Umfeld aufgewachsenen Künstlers Ulrich Bleiker sowie die farbintensiven Marienzeichnungen der seh- und hörbehinderten Künstlerin Hedi Huser, deren Nachlass erst nach ihrem Tod durch Zufall entdeckt wurde. Zum Abschluss der Schau thematisiert das Bündner Künstlerduo Gerber/Badil die „Macht der Fantasie“: Sie verbinden historische Ofenkacheln aus dem 18. Jahrhundert mittels zeitgenössischer Animationen und erwecken alte Allegorien und Szenen zu neuem Leben.

Produktion: arttv.ch

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Museum Angewandte Kunst | Grafik: Bureau Sandra Doeller

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