Farbenkünstler ohne Farbsicht: Das Rätsel der Tintenfische

Sie sind die Meister der Tarnung und Kommunikation – Tintenfische können ihre Hautfarbe in Sekundenschnelle anpassen. Doch das Erstaunlichste daran: Die Tiere selbst sind nach aktuellem Wissensstand farbenblind. Wie passt das zusammen? Das Naturhistorische Museum Bern gibt Antworten auf eine der spannendsten Fragen der Meeresbiologie.

Tintenfische nutzen ihr spektakuläres Farbenspiel nicht nur zur perfekten Tarnung vor Jägern, sondern auch, um mit ihren Artgenossen zu kommunizieren. Dieser Prozess ist ein hochkomplexes Zusammenspiel verschiedener Hautschichten und Nervenimpulse.

Das Geheimnis der Hautschichten

Die Haut eines Tintenfisches ist im Grunde weiß, doch zwei spezielle Schichten ermöglichen die Verwandlung:

  • Chromatophoren: In der obersten Schicht liegen echte Pigmentzellen, ähnlich unseren Leberflecken. Diese enthalten Melanin in winzigen Säckchen, die der Tintenfisch per Muskelkraft dehnen oder zusammenziehen kann. So entstehen gelbe, rote und braune Farbpunkte.
  • Strukturfarben: Darunter liegen Zellen, die keine echten Pigmente enthalten, sondern Licht brechen – ähnlich wie ein Regentropfen einen Regenbogen erzeugt. Durch Lichtbeugung und Interferenz können Tintenfische so auch grünes und blaues Licht reflektieren.

Jede Zelle ein Befehl

Was den Tintenfisch so einzigartig macht, ist die präzise Steuerung: Er kann jede einzelne Farbzelle nervlich ansteuern. Während wir bei einer Gänsehaut alle Haare gleichzeitig unbewusst aufstellen, könnte ein Tintenfisch theoretisch jedem einzelnen „Haar“ einen eigenen Befehl geben.

Sehen ohne Farben

Obwohl sie Farben in Perfektion produzieren, können Tintenfische selbst keine Farben sehen. Stattdessen nutzen sie zwei andere Strategien:

  • Polarisiertes Licht: Sie können die Schwingungsrichtung von Lichtwellen wahrnehmen. Da Licht, das von Objekten reflektiert wird, polarisiert ist, kann ein Tintenfisch Beutetiere selbst dann erkennen, wenn diese perfekt getarnt sind.
  • Graustufen: Tintenfische orientieren sich an extrem feinen Tonunterschieden und Helligkeitsstufen im Graubereich.

Die Natur hat hier einen faszinierenden Weg gefunden: Ein Tier, das die Welt in Graustufen sieht, ist gleichzeitig ihr farbenprächtigster Künstler.

Mehr unter: www.nmbe.ch/de

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