Elisabeth von Samsonow in der Heidi Horten Collection: Kunst zwischen Körper und Natur

Was bedeutet es, mit der Welt in Beziehung zu treten – mit Landschaften, Lebewesen und ihren Geschichten? Die deutsch-österreichische Künstlerin und Philosophin Elisabeth von Samsonow beschäftigt sich seit nahezu fünf Jahrzehnten mit dieser Frage. Ihre Werke verbinden Kunst und Philosophie, feministische Perspektiven und ökologisches Denken zu einem eigenständigen künstlerischen Universum.

Retrospektive zeigt fünf Jahrzehnte künstlerisches Schaffen

Die Retrospektive in der Heidi Horten Collection präsentiert die vielfältigen Facetten ihres Schaffens. Zahlreiche Arbeiten sind erstmals zu sehen. In Samsonows fantastischen Bildwelten verwandeln sich Körper, menschliche, tierische und pflanzliche Formen gehen ineinander über, und hintergründiger Humor trifft auf grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur.

Neben Malerei und Skulptur umfasst ihre Praxis auch Performances und kollektive Aktionen. Kunst versteht Samsonow dabei nicht nur als Ausdruck individueller Kreativität, sondern auch als gemeinsames Handeln und als Möglichkeit, die Welt aktiv mitzugestalten.

Körper in Verwandlung: Skulpturen aus ganzen Baumstämmen

Seit 1990 arbeitet Elisabeth von Samsonow mit Holz. Die Skulptur entwickelte sich seither zu einem zentralen Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens. Aus ganzen Baumstämmen formt sie lebensgroße, bemalte Figuren, die zwischen menschlichen, tierischen und pflanzlichen Erscheinungsformen changieren.

Ihr skulpturales und malerisches Universum ist von fantasievollen Metamorphosen geprägt. Figuren aus der Mythologie begegnen wiederkehrenden Motiven wie dem Mädchen, dem Pferd, dem Ponymädchen oder der Brezel. In jüngeren Arbeiten nimmt insbesondere die Adlerin eine wichtige Rolle ein – sowohl als symbolische Gestalt als auch als reales Tier.

Die Skulpturen wirken dabei keineswegs statisch. Vielmehr scheinen sie jederzeit in Bewegung geraten zu können: Sie könnten rollen, Klänge erzeugen oder Licht ausstrahlen. In ihren Performances setzt Samsonow diese Möglichkeiten in Beziehung zu ihrem eigenen Körper. Durch Bewegung und das Spiel der Saiten aktiviert sie die Skulpturen und schafft eine unmittelbare Verbindung zwischen Kunstwerk und Körper.

Göttinnenland: Die Erde als lebendiges Gegenüber

Ein zentraler Gedanke in Samsonows Werk ist die Vorstellung der Erde als lebendiges, miteinander vernetztes System. Sie begreift die Landschaft nicht bloß als Kulisse oder Ressource, sondern als Trägerin von Geschichte und kollektivem Gedächtnis.

In den vergangenen Jahren hat sich ihre künstlerische Praxis zunehmend vom Atelier in den ländlichen Raum verlagert. Mit dem 2020 initiierten Projekt „Göttinnenland“ reagiert sie auf eine intensiv bewirtschaftete und zunehmend ausgelaugte Landschaft.

In Malerei, Zeichnung, performativer Fotografie und Text wird das Land zum Gegenüber. Samsonow stellt Fragen nach seiner Bedeutung und danach, welche Beziehungen Menschen mit ihrer Umwelt verbinden. Was erzählt eine Landschaft? Welche Spuren hinterlassen menschliche Eingriffe? Und wie lässt sich ein verantwortungsvoller Umgang mit der Erde entwickeln?

Kunst wird so zu einer Möglichkeit, die Welt nicht nur wahrzunehmen, sondern sie zu bewohnen, kreativ mitzugestalten und ihr mit Fürsorge zu begegnen.

Ein offenes Atelier lädt zum Mitgestalten ein

Diese Gedanken greift ein eigens für die Retrospektive entwickeltes offenes Atelier auf. Es lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, selbst kreativ tätig zu werden und die Ausstellung aktiv weiterzudenken.

Damit erweitert sich die Ausstellung über die Betrachtung der Werke hinaus. Das Publikum wird Teil eines offenen Prozesses, in dem eigene Ideen, Erfahrungen und Vorstellungen in den Dialog mit Samsonows Kunst treten können.

Im Dialog mit Meisterwerken der Kunstgeschichte

Ein weiterer Schwerpunkt der Retrospektive sind zehn Dialoge zwischen Arbeiten von Elisabeth von Samsonow und ausgewählten Werken der Heidi Horten Collection. Dazu gehören Arbeiten von Francis Bacon, Georg Baselitz, Alexander Calder, Egon Schiele und Ferdinand Georg Waldmüller sowie das prähistorische Idol von Immendorf.

Die Gegenüberstellungen machen formale und inhaltliche Verbindungen sichtbar. Sie eröffnen neue Perspektiven auf Samsonows künstlerische Sprache und lassen zugleich die Werke der Sammlung in einem veränderten Licht erscheinen.

Der Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst, Klassischer Moderne und prähistorischen Artefakten erweitert den Blick auf wiederkehrende Themen wie Körperlichkeit, Verwandlung und das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt.

Kunst, Philosophie und ökologisches Denken

Die Retrospektive verdeutlicht, wie eng Elisabeth von Samsonows künstlerische Arbeit mit philosophischen, feministischen und ökologischen Fragestellungen verbunden ist. Ihre Werke entwerfen keine abgeschlossene Welt, sondern zeigen Beziehungen, Übergänge und Verwandlungen.

Körper werden zu offenen Formen, Landschaften zu Gegenübern und Kunstwerke zu Ausgangspunkten gemeinsamer Erfahrungen. So entwickelt Samsonow eine künstlerische Praxis, die etablierte Grenzen zwischen Mensch und Natur, Individuum und Gemeinschaft sowie Kunst und Alltag infrage stellt.

Zur Ausstellung erscheint die erste umfassende Monografie über Elisabeth von Samsonows künstlerisches Gesamtwerk. Kuratiert wird die Retrospektive von Hana O. O. Haas und Rolf H. Johannsen.

Konzept, Redaktion & Interview: Magdalena Winkelhofer
Produktion, Kamera & Postproduktion: Matija Serdar, PrimeART Medienwerkstatt © 2026

Mehr unter: hortencollection.com

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