Direkt zu: Von Cézanne bis Kirchner: Das Bucerius Kunst Forum rekonstruiert jüdische Sammlerwelten der Moderne
„You’ll Never Watch Alone“: Das Bucerius Kunst Forum feiert den Netzwerker F.C. Gundlach

F.C. Gundlach, „Fashion Studio“, Wilhelmina Cooper, Hamburg 1965
© F.C. Gundlach, Courtesy Stiftung F.C. Gundlach
Zum 100. Geburtstag von F.C. Gundlach präsentiert das Bucerius Kunst Forum im Rahmen der 9. Triennale der Photographie eine außergewöhnliche Schau. „You’ll Never Watch Alone“ bricht mit dem klassischen Bild des Modefotografen und zeigt den Wahl-Hamburger stattdessen als zentralen Knotenpunkt eines globalen kreativen Netzwerks.
F.C. Gundlach (1926–2021) war weit mehr als der Mann hinter den ikonischen Covermotiven deutscher Modemagazine. Er war Galerist, Laborbesitzer, Sammler und Mentor. Die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum nutzt sein Jubiläum nicht für eine klassische Retrospektive, sondern um die Entstehung einer ganzen fotokulturellen Szene zu beleuchten.
Fotografie als Allianz: Von Paris nach Tokio
Der Ausstellungstitel „You’ll Never Watch Alone“ ist Programm: Er verweist auf Gundlachs tiefe Überzeugung, dass Fotografie nie isoliert entsteht. Seine Allianzen reichten von den Modemetropolen Paris und New York bis nach Tokio. Die Schau macht sichtbar, wie dieser ständige Dialog mit Weggefährten und Vorbildern Gundlachs eigenen Stil prägte und ihn gleichzeitig zum Taktgeber für gesellschaftliche Vorstellungen von Identität und Gender machte.
Unveröffentlichte Schätze und Neuentdeckungen
Besucher dürfen sich auf eine kuratierte Mischung freuen, die weit über das Bekannte hinausgeht:
- Ikonische Modefotografie: Die Bilder, die das visuelle Gedächtnis der Nachkriegsmoderne prägten.
- Neuentdeckungen: Erstmals gezeigte Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen sowie experimentelle Studien.
- Wegbegleiter: Werke von Künstlern, die Gundlach inspirierten oder die er selbst als Galerist und Förderer entdeckte.
Ein Erbe, das Hamburg prägt
Als Stifter und Gründervater des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen hat Gundlach Hamburg zur Fotometropole gemacht. Die Stiftung F.C. Gundlach fungiert als alleinige Leihgeberin dieser ersten großen Werkschau seit seinem Tod im Jahr 2021. Die Ausstellung lotet dabei geschickt die Brüche zwischen Auftragsarbeit, freier Kunst und technischer Innovation aus und zeigt, wie aktuell Gundlachs Visionen für unser heutiges Bildverständnis geblieben sind.
Von Cézanne bis Kirchner: Das Bucerius Kunst Forum rekonstruiert jüdische Sammlerwelten der Moderne

Wladimir von Zabotin, Sonntagmorgen in Danzig, o. Dat., Kunsthalle Mannheim © Sammlung Emma Zabotin © Foto: Kunsthalle Mannheim
Ab dem 11. September 2026 widmet sich das Bucerius Kunst Forum einem ebenso glanzvollen wie tragischen Kapitel der deutschen Kulturgeschichte. Die Ausstellung beleuchtet die zentrale Rolle jüdischer Sammler:innen als Geburtshelfer der Moderne – und dokumentiert zugleich die systematische Zerschlagung ihres Wirkens durch den Nationalsozialismus.
Während die offizielle Kunstpolitik des Kaiserreichs noch lange im konservativen Akademiekanon verharrte, bewiesen jüdische Privatpersonen eine bemerkenswerte ästhetische Weitsicht. Sie waren es, die Künstler wie Paul Cézanne, Ernst Ludwig Kirchner oder Paula Modersohn-Becker entdeckten, förderten und gegen Anfeindungen verteidigten.
Eine archäologische Sensation der Kunstgeschichte
Die Kuratoren Stefan Koldehoff und Dr. Kathrin Baumstark haben für diese Schau eine Mammutaufgabe bewältigt: Die exemplarische Rekonstruktion von fünfzehn bedeutenden Sammlungen, deren Werke heute über den gesamten Globus verstreut sind. Rund 100 Spitzenwerke des Impressionismus, Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit werden für kurze Zeit wieder in ihren ursprünglichen Kontexten zusammengeführt.
Jedem Sammlerpaar oder jeder Einzelperson – darunter Namen wie Rosa Schapire, die Familie Hirschland oder Max Meirowsky – ist ein eigener Raum gewidmet. So wird nicht nur die ästhetische Qualität der Werke von Franz Marc, Karl Schmidt-Rottluff oder Camille Pissarro erlebbar, sondern auch die intellektuelle Motivation hinter den Sammlungen.
Kunstwerke als Zeugen von Unrecht und Vertreibung
Die Ausstellung ist weit mehr als eine Werkschau; sie ist ein Akt der Erinnerungskultur. Sie dokumentiert lückenlos:
- Den Aufstieg: Wie jüdische Bürger:innen durch Mäzenatentum und Kooperationen mit Galerien die moderne Kunst in Deutschland erst gesellschaftsfähig machten.
- Den Raub: Wie der NS-Staat durch Zwangssteuern, Vermögenssperren und Devisenauflagen die Sammler:innen systematisch zur Aufgabe ihres Eigentums zwang.
- Die Zerstreuung: Den Weg der Bilder nach 1945 in internationale Museen und Privatsammlungen, wobei die Herkunft oft jahrzehntelang verschleiert wurde.
Wider das Vergessen
Viele der gezeigten Sammler:innen wurden ermordet oder in das Exil getrieben. Dass ihre Namen heute oft selbst Fachkreisen kaum noch bekannt sind, ist Teil der nationalsozialistischen Tilgungsstrategie. Das Bucerius Kunst Forum holt diese Persönlichkeiten und ihre kulturelle Leistung nun zurück ins öffentliche Bewusstsein. Die Schau verbindet dabei aufwändige Provenienzforschung mit soziologischer Analyse und zeigt auf, dass die deutsche Moderne ohne ihr jüdisches Bürgertum undenkbar gewesen wäre.
Mehr unter: buceriuskunstforum.de







