
Gespräch im Humboldt Forum: Remembering Across Borders – Afro/deutsche und jüdische Stimmen
16. Oktober | 16:30 – 19:00
Wie lassen sich unterschiedliche Erinnerungskulturen miteinander verbinden, ohne historische Erfahrungen gegeneinander auszuspielen? Mit der Performance und dem Gespräch „Remembering Across Borders“ widmet sich das Humboldt Forum in Berlin dem gemeinsamen Erinnern an Kolonialismus und Holocaust. Afro-deutsche und jüdische Perspektiven stehen dabei im Mittelpunkt eines künstlerischen und gesellschaftlichen Dialogs über Geschichte, Identität und Solidarität.
Erinnerungskultur zwischen Kolonialismus und Holocaust
Wie können unterschiedliche Formen des Erinnerns gleichberechtigt nebeneinander bestehen? Dieser Frage geht das Projekt „Remembering Across Borders“ im Humboldt Forum nach. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Holocaust, der deutschen Kolonialgeschichte sowie den Auswirkungen von Rassismus und Antisemitismus auf die Gegenwart.
Das Projekt verfolgt den Ansatz, verschiedene historische Erfahrungen nicht als konkurrierende Erinnerungskulturen zu betrachten. Stattdessen sollen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Verflechtungen sichtbar werden, ohne die jeweiligen historischen Besonderheiten aus dem Blick zu verlieren.
Die Beteiligten setzen sich insbesondere mit der Frage auseinander, wie eine solidarische Erinnerungskultur entstehen kann, die unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt und gesellschaftliche Ausgrenzung überwindet.
Performance verbindet Musik, Kunst und gesellschaftlichen Dialog
Einen zentralen Bestandteil von „Remembering Across Borders“ bildet eine interdisziplinäre Performance. Mit Musik, künstlerischen Ausdrucksformen und partizipativen Elementen beschäftigt sie sich mit den Möglichkeiten eines gemeinsamen Erinnerns über kulturelle und gesellschaftliche Grenzen hinweg.
Die Aufführung greift die These auf, dass Erinnerung kein Nullsummenspiel ist. Die Anerkennung des Leids einer Gruppe müsse demnach nicht zulasten der Erinnerung an die Erfahrungen anderer gehen.
Dabei werden auch Spannungen zwischen unterschiedlichen Erinnerungsperspektiven thematisiert. Die Performance sucht nach künstlerischen Ausdrucksformen, die einen Dialog zwischen afro-deutschen und jüdischen Erfahrungen ermöglichen.
Afro-deutsche und jüdische Perspektiven im Gespräch
Im anschließenden Gespräch stellen die Beteiligten das Projekt „Remembering Across Borders“ vor und erläutern ihre künstlerischen und inhaltlichen Ansätze.
Zu den Mitwirkenden gehört der Berliner Künstler David Dibiah, der Performance, Musik, Grafikdesign und kulturelle Bildung miteinander verbindet. In seiner Arbeit beschäftigt er sich unter anderem mit kolonialen Hinterlassenschaften und Fragen historischer Gerechtigkeit. Bereits mit seiner Performance „It Lies in Public Spaces“ im Humboldt Forum setzte er sich mithilfe von Rap, Poesie und Gebet mit der kolonialen Vergangenheit auseinander.
Ebenfalls beteiligt ist der Schauspieler und Theaterpädagoge Julian Keck. Er arbeitet als freier Vermittler im Ethnologischen Museum und bietet dort den Schulworkshop „Verflochtene Erinnerungen, Spuren der Shoah und des Kolonialismus im Berliner Schloss und den Ethnologischen Sammlungen“ an.
Die Kunstpädagogin und Performerin Olena Lekkoduch bringt Erfahrungen aus bildender Kunst, Tanz, Kostümdesign und Videografie ein. Unter ihrem Künstlernamen Rebecca le Dove entwickelt sie Performances, die sich mit Selbstbestimmung, weiblicher Stärke und gesellschaftlicher Verbundenheit beschäftigen.
Musik als Brücke zwischen unterschiedlichen Erinnerungskulturen
Eine weitere künstlerische Perspektive steuert der jüdisch-deutsche Violinist, Komponist und Produzent Alex Stolze bei. Seine Musik verbindet moderne Klassik mit elektronischen Klängen, nahöstlichen Tonleitern und komplexen rhythmischen Strukturen.
Stolze arbeitet mit einer eigens angefertigten fünfsaitigen elektroakustischen Violine. Im Oktober 2024 veröffentlichte er sein drittes Album „Raash ve Ruach“, das sich musikalisch mit Veränderung und Transformation auseinandersetzt.
Neben seiner Tätigkeit als Musiker engagiert er sich in Bildungsprojekten für Dagesh – Jüdische Kunst im Kontext. Mit dem von ihm gegründeten Kulturort DELTAHAUS in Brandenburg schafft er zudem einen Raum für internationale künstlerische Zusammenarbeit.
Humboldt Forum erforscht verflochtene Erinnerungen
Auch die wissenschaftliche und museale Perspektive spielt bei „Remembering Across Borders“ eine wichtige Rolle.
Andrea Scholz ist Kuratorin für transkulturelle Zusammenarbeit am Ethnologischen Museum und am Museum für Asiatische Kunst in Berlin. Als Anthropologin beschäftigt sie sich insbesondere mit Kooperationen zwischen Museen und indigenen Gemeinschaften sowie mit internationalen Bildungsprojekten.
Patrick Helber ist seit 2021 Kurator für Bildung und Vermittlung am Ethnologischen Museum im Humboldt Forum. Er verantwortet gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen das kollaborative Vermittlungsprojekt „Verflochtene Erinnerung(en). Spuren der Shoah und des Kolonialismus im Berliner Schloss und den Ethnologischen Sammlungen“.
Das Projekt entwickelt zusammen mit internationalen Partnern, unter anderem aus Ruanda, Namibia, Jamaika und Israel, Bildungs- und Vermittlungsformate. Im Mittelpunkt stehen historische Verbindungen, unterschiedliche Erinnerungsperspektiven und die Frage, wie Museen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beitragen können.
Gemeinsam erinnern: Neue Perspektiven auf Geschichte und Gegenwart
Mit „Remembering Across Borders“ greift das Humboldt Forum eine zentrale Frage der gegenwärtigen Erinnerungskultur auf: Wie kann das Gedenken an unterschiedliche historische Verbrechen und Erfahrungen so gestaltet werden, dass gegenseitige Anerkennung und gesellschaftlicher Austausch möglich werden?
Die Verbindung von Performance, Musik und Gespräch eröffnet verschiedene Zugänge zu diesem Thema. Afro-deutsche und jüdische Stimmen machen dabei sowohl gemeinsame Anliegen als auch Unterschiede und Spannungsfelder sichtbar.
Das Projekt versteht Erinnerung nicht allein als Rückblick auf historische Ereignisse, sondern auch als Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen der Gegenwart. Damit rücken Fragen nach Rassismus, Antisemitismus, kultureller Zugehörigkeit und solidarischem Zusammenleben in den Fokus.
Wo? Mechanische Arena im Foyer

