
Judith Neunhäuserer & Lukas Kindermann
in Kooperation mit dem Digital Art Space
Was hält uns auf der Erde – und was verbindet uns mit dem Kosmos? Die Ausstellung „Erdanziehung” im DG Kunstraum Diskurs Gegenwart bringt zwei künstlerische Positionen zusammen, die Schwerkraft als physikalische wie poetische Kraft neu befragen.
Eine Ausstellung, die den Boden unter den Füßen hinterfragt
Schwerkraft ist das Selbstverständlichste der Welt – und zugleich eines der großen Rätsel. Seit jeher versucht der Mensch, diesen Zusammenhang zu deuten: mit naturwissenschaftlichen Berechnungen, geisteswissenschaftlichen Ansätzen und spirituellen Vorstellungen. Die Ausstellung „Erdanziehung” im DG Kunstraum Diskurs Gegenwart, in Kooperation mit dem Digital Art Space, macht genau dieses Spannungsfeld zum künstlerischen Experimentierfeld. Mit Lukas Kindermann und Judith Neunhäuserer treten zwei Positionen miteinander in Dialog, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch dieselben existenziellen Fragen stellen.
Lukas Kindermann: Das Archiv als offener Denkraum
Lukas Kindermann arbeitet seit rund zwanzig Jahren an einem umfangreichen Archiv, das heute hunderte Objekte sowie rund tausend Originalstiche und Pressefotografien umfasst. Die gesammelten Zeugnisse beschäftigen sich mit der Erdgeschichte und der Rolle des Menschen in ihrer Erforschung, Deutung und Veränderung – ein vielschichtiges Bild des Anthropozäns, das Kulturgeschichte, Technologie und Naturgewalten miteinander verknüpft.
In der Ausstellung wird dieses Archiv geöffnet: Ausgewählte Objekte aus unterschiedlichen Erdzeitaltern begegnen einander in vier Vitrinen, ohne hierarchische Einordnung. Kindermann verzichtet bewusst auf eine eindeutige theoretische Rahmung – im Sinne Michel Foucaults versteht er jede Gegenwart als Deutungssystem mit eigener Wissensordnung. Das Archiv wird so zum offenen Denkraum, der Besucherinnen und Besuchern Raum für eigene Assoziationen lässt.
Als großformatige Wandarbeit präsentiert Kindermann zudem stark vergrößerte Bildausschnitte aus dem Archivmaterial – eine Edition, die aufgrund der Raumhöhe von keinem einzigen Standpunkt aus vollständig erfasst werden kann. Kindermann bezieht sich dabei auf eine Episode aus Alexander von Humboldts Südamerikareise: Als Humboldt nach langer Wanderung endlich den Pazifik erblickte, soll ihn der Anblick so überwältigt haben, dass er die geplante Messung vergaß. Auch das Bild in der Ausstellung erschließt sich erst durch Bewegung – wer die Empore besteigt, entdeckt Details, die vom Boden aus verborgen bleiben.
Judith Neunhäuserer: Zwischen Naturwissenschaft und Mythos
Judith Neunhäuserer nähert sich denselben großen Fragen auf einem anderen Weg. In Skulpturen und Zeichnungen verbindet sie naturwissenschaftliche Ansätze mit mythischen Weltbildern und übersetzt existenzielle Fragen – nach der Verletzlichkeit des Planeten, dem Ursprung des Lebens, der menschlichen Verantwortung – in künstlerische Versuchsanordnungen.
Zwei großformatige schwarze Tafeln mit eingeritzten Zeichnungen basieren auf theosophischen Schriften, die Wissenschaft und Religion nicht als Gegensätze, sondern als Teile eines ganzheitlichen Weltbilds verstehen. Neunhäuserer überführt diese historischen Erklärungsmodelle in eine zeitgenössische Form. Ein Dreifachpendel mit Laser macht die Unvorhersehbarkeit komplexer Bewegungsabläufe sichtbar: Obwohl das Pendel physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgt, lassen sich seine Bahnen nicht vollständig berechnen – eine Veranschaulichung des Physikers Hans-Peter Dürr, der mit Werner Heisenberg zusammenarbeitete und ein ganzheitliches Weltbild vertrat.
Im zweiten Teil der Ausstellung, im Digital Art Space, hinterfragt Neunhäuserer mit „Ein neuer Geozentrismus (der Parcours zum Anti-Überblick)” die Vorstellung eines vollständigen Blicks auf die Erde. Globen in den Schaufenstern entlang des Weges dorthin zeigen stets nur eine Seite – eine Arbeit, die ausgehend von Bruno Latour auf unsere stets lokale Perspektive innerhalb des Beziehungsgeflechts von Mensch, Lebewesen und Umwelt verweist.
Dialog zwischen Fall und Schwebe
„Erdanziehung” ist keine Ausstellung über Physik – und auch keine über Spiritualität. Sie ist ein Raum, in dem beide Zugangsweisen gleichberechtigt nebeneinanderstehen und miteinander ins Gespräch kommen. Zwischen Fall und Schwebe, Vermessung und Fiktion, Gewicht und Leere entsteht so ein Erfahrungsfeld, das Schwerkraft als das begreifbar macht, was sie im Grunde ist: eine der fundamentalsten und rätselhaftesten Kräfte unserer Existenz.







